Jean Luc Koenig

me – men – to

Photokunst aus Luxemburg

4. November 2017 bis Ostern 2018

 

Ein Mensch

Nackt

Im Wald

Allein

Im Schnee

?

Banale Fragen zunächst: Dem ist doch kalt! Wird der nicht krank? Nackt im Schnee! Was will der da? Will der überhaupt?

Rätselhaft, schwer verständlich auf den ersten Blick. Bedürfen Jean Luc Koenigs Bilder einer Erklärung, eines Textes? Er selbst verzichtet auf langatmige Erläuterungen, lässt seine Bilder unkommentiert stehen, überlässt den Betrachter seiner Phantasie, gibt sich zufrieden mit schmunzelndem Kopfschütteln oder Lachen – Ziel erreicht? Mitnichten!

Jean Luc Koenigs Arbeit „me-men-to“ kreist um das Verhältnis Menschen – Natur. Im Titel zerlegt er das Memento – Mahnung – in: me (ich, wir) – men (Menschen) – to (wohin … geht der Mensch?) und das ist für ihn keineswegs zum Lachen:

Natur, idyllisch anzusehen und doch zugleich bedrohlich für das Individuum – Jean Luc Koenigs surreale Kompositionen thematisieren die überaus ambivalente Beziehung des Menschen zur Natur. Nicht nur, dass Leben spendende Natur vom Menschen in seinem irrwitzigen Glauben, sie beherrschen zu können, quasi über ihr zu stehen, mit rasender Geschwindigkeit zerstört wird, Natur ist erholsames Idyll, wird aber zugleich als existentielle Bedrohung wahrgenommen. Wir suchen die Natur, machen einen entspannenden Waldspaziergang. Kaum aber wird es dunkel, beginnen wir im Wald zu pfeifen und anschließend reinigen wir unsere Schuhe vom daran klebenden „Dreck“. Dreck? Oder eher Leben?

Koenig sieht den modernen Menschen soweit von der Natur entfremdet, dass dieser sich gar nicht mehr als Teil dieser Natur sieht. In seinen Bildern zeigt er ihn schutzlos nackt seinem Ursprung hilflos ausgeliefert. Genau dies führt beim Betrachter seiner wohlüberlegten Kompositionen zu den durchaus gewollten Irritationen.

Jean Luc Koenig sieht sich nicht als typischen Fotografen, bezeichnet sich selbst als „NichtFotografen“. Mit seinen sorgfältig arrangierten Arbeiten sieht er sich in der Tradition der Pioniere der künstlerischen Fotografie im beginnenden 19. Jahrhundert. Vergeblich suchten selbst führende Lichtbildner wie Oscar Gustave Rejlander oder Julia Margaret Cameron Anerkennung als gleichrangige Künstler indem sie ihre Bilder im Stil der zeitgenössischen Malerei komponierten. Das Urteil der Zeitgenossen war vernichtend. So kommentierte Charles Baudelaire: „Die Fotografie ist der Todfeind der Malerei, sie ist die Zuflucht aller gescheiterten Maler, der Unbegabten und Faulen.“ Eugène Delacroix‘ Gemälde „Odalisque“ wurde gefeiert, während Eugène Durieu, dessen Fotografie eines sitzenden Aktes die Vorlage für das Bild lieferte, als Künstler eher belächelt wurde. Noch in den 1920er Jahren überlebte Eugène Atget in bitterster Armut, indem er seine Fotografien als Entwurfsvorlagen an „echte“ Künstler, z.T. drittklassige Maler verkaufte, posthum ist er als wegweisender Fotokünstler weltweit verehrt.

Auch wenn 1905 bis 1917 von Alfred Stieglitz erstmals in seiner New Yorker „Galery 291“ Fotografien gemeinsam mit europäischer Avantgardekunst präsentiert wurden, die breite Anerkennung als eigenständige Kunstgattung blieb der sich noch immer an zeitgenössischer Malerei orientierenden Fotografie verwehrt. Dies änderte sich erst, als Lichtbildner wie Edward Weston oder Imogen Cunningham mit ihrer „Straight Photography“ eine eigene fotografische Ästhetik schufen und sich demonstrativ von Malerei und Graphik distanzierten. Eine parallele Entwicklung fand fast zeitgleich in Deutschland mit der „Neuen Sachlichkeit“ eines August Sander oder Albert Renger-Patzsch statt, dessen innovative Arbeit bereits 1927 von Kurt Tucholsky („Altes Licht“) gewürdigt wurde.

Grandiose Publikumserfolge von Fotoausstellungen u.a. im New Yorker Museum of Modern Art und die Entwicklung eigener fotografischer Stilrichtungen verhinderten aber nicht, dass noch 1963 der Kunsttheoretiker Karl Pawek in seinem Buch „Das optische Zeitalter“ formulierte: „Der Künstler erschafft die Wirklichkeit, der Fotograf sieht sie.“ Wie falsch dieser Satz ist, wurde hinlänglich diskutiert, spätestens mit der Etablierung der digitalen Fotografie, die selbst dem Laien praktisch unbegrenzte Möglichkeiten der Bildmanipulation beschert. Heute ist die Fotografie, ob analog oder digital am Computer erzeugt, aus der zeitgenössischen Kunst nicht mehr wegzudenken.

Dennoch knüpft Jean Luc Koenig explizit an die Lichtbildner der fotografischen Frühzeit an, „NichtFotograf“, indem er kein getreues Abbild der Wirklichkeit schafft, sondern, sich der Methoden der Pioniere des viktorianischen Zeitalters bedienend, seine Bildwelten mit sorgfältigen Arrangements selbst schafft und sie als Botschaften, Geschichten und hier tatsächlich als Memento, als Mahnung versteht.

 

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