Jacques DALIWE (15.Jh. / Burgund )

Maria von BURGUND

Maria von                           BURGUND             ( 1457 – 1482 )

Ein spätgotisches »MUSTERBUCH«

Silberstiftzeichnungen aus den „Libri picturati”
Faksimiles aus der Staatsbibliothek Berlin [ MS. A 74 ] 

Im Mittelpunkt der Winterausstellung 2002 stand das so genannte MUSTERBUCH des Jacques DALIWE. Wer war Jacques Daliwe, und was ist ein „Musterbuch“? Beides bedarf der Erklärung, ebenso wie die Frage, in welcher Beziehung dieses Musterbuch und sein Verfasser zur OUR-Tal-Region hatte.

DER ISLEK IM 14./15. JAHRHUNDERT

Zwischen den Jahren 1350 und 1450 voll­zog sich in Westeuropa ein tief greifender politischer und kultureller Wandel. Nachdem sich die Länder vom Einbruch der Pest erholt hatten,

Region Die regierenden Luxemburger residierten in PRAG (die Kaiser Karl IV., Wenzel und Sigismund) . Ihre weit im Westen liegenden Stammlande verpfänden sie an zahlungskräftige fremde Fürsten, welche die luxemburgischen Gebiete rücksichtslos ausbeuten. Bleibenden Nutzen aus diesen Wirren zogen vor allem die Herzöge von BURGUND, die sich gegenüber dem Deutschen Reich und Frankreich als eine neue Macht (zwischen der Nordsee, dem Rhein und der Schweiz) etablieren wollten. Die Herrschaft der Burgunder wurde anfangs zwar abgelehnt, doch schuf die burgundi­sche Ver­wal­tung endlich Ordnung und führte zu wirtschaftlichem Aufschwung. Auch Bildung, Wissenschaft und Kunst erfuhren einen neuen Antrieb

 JAQUES DALIWES  „MUSTERBUCH“

Daliwe 01

Moderne Buchausgabe der Handschrift

Das Zentrum der burgundischen Herrschaft lag in den „Niederlanden“. Diese gingen freilich weit über das heute als „Holland“ bekann­te Gebiet hinaus. Wohl­habende Städte wie Brügge, Gent, Antwerpen (in Belgien), Lille oder Arras (in Nordfrankreich) gehörten ebenfalls dazu. Der Reichtum des Landes spiegelte sich besonders in Mode und Kunst wider, so dass man für diese Zeit all­gemein auch von einem „Burgundischen Zeitalter“ in Westeuropa spricht. Künstler (wie z.B. die BRÜDER LIMBURG) arbeiteten für den bur­gun­dischen oder französi­schen Hof. Neue Techniken und neue Sicht­weisen ent­wickelten sich und gaben der europäischen Kunst eine Wende zur Moderne. Mit zum Kreis der Er­neuerer gehörte Der Künstler JAQUES DALIWE . Sein „Musterbuch“, das in der ARTE-HALLE gezeigt wurde, entstand zwischen 1410-1420.


Musterbücher lieferten und liefern in der Regel Abbildungen als Vorlagen für Werkstätten. Gemäß der für vorbildhaft ( ≈ mustergültig ) gehaltenen Vorgaben wurden und werden entsprechende Gegenstände produziert, sei es in Keramik-Manufakturen, Möbelfabriken und Tischlereien, in Tuch- und Teppich-Webereien oder sei es für  Bildhauer, Goldschmiede, Kunstschlosser usw. Dort dienten und dienen sie als Modellbücher oder in der Ausbildung der Lehrlinge und Gesellen als Lehrbücher. Von heute aus gesehen, kam den Musterbüchern auch die Rolle von Katalogen zu; sie geben Kunden (Auftraggebern, Bauherren usw.) Entscheidungshilfen an die Hand. Das ist beispielsweise bei Musterbüchern für Tapeten oder Möbelbezüge noch immer der Fall.

Berühmte Musterbücher waren die zwischen 1821 und 1837 „Vorbilder für Fabrikanten und Handwerker“, mit denen Karl Friedrich Schinkel und Christian Beuth durch Rückgriff auf klassische Formen alle möglichen Gewerbezweige im industriell rückständigen Preußen voranbringen wollten.  Ähnlich bedeutsam war das „Architektonische Skizzenbuch” aus den Jahren 1852 und 1886, das die Formgebung der städtischen Architektur während der sog. „Gründerzeiten” und insbesondere die damalige Hausfassaden-Gestaltung prägte.

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Aus dem Skizzenbuch des Villard de Honnecourt

Oft wird das Musterbuch als Sache oder Begriff mit dem „Skizzenbuch“ gleich-gesetzt. Ähnlichkeiten und Übereinstimmungen bei frühmittelalterlichen Buch-Illustrationen (Ornamente, Schmuck-Initialen, Bilder) legen die Vermutung nahe, dass es bereits für die Skriptorien der karolingischen und ottonischen Klöster Musterbücher gegeben haben könnte. Das erste Werk, das tatsächlich als solches anzusehen ist, stammt aus dem 11. Jahrhundert.  Das berühmteste Werk der Hochgotik geht auf den französischen Baumeister Villard de HONNECOURT zurück. Dieser arbeitete nachweislich in der Zeit zwischen 1230 und 1235 und hatte bedeutenden Anteil am Bau der Kathedrale von Chartres. Sein Skizzenbuch, heute Bestandteil der Pariser Nationalbibliothek, besitzt für viele Kunsthistoriker/innen den Charakter eines Musterbuchs. Es umfasst 33 Seiten und liefert eine Sammlung von Zeichnungen, die sowohl Bauten bzw. Architektur-Details und Bauwerkzeuge als auch Figuren, Gegenstände oder Tiere darstellen. Ob es sich dabei eher um ein privates Skizzzenbuch oder doch auch um ein Modell- oder Lehrbuch ( z.B. für die Mitarbeiter der Bauhütte ) gehandelt hat, kann nicht gesagt werden.
Ähnlich ist das bei den Skizzenbüchern der italienischen Künstler Antonio PISANELLO ( ≈ Codex Vallardi / ca. 1410-55) oder Jacopo BELLINI ( ≈ Libri del disegno / ca. 1440-70), die in der Zeit des Übergangs von der Spätgotik zur Frührenaissance beachtliche Sammlungen von (äußerst modellartigen) Zeichnungen erarbeiteten.

Das MUSTERBUCH des Jaques DALIWE ist ungefähr in derselben Epoche anzusiedeln, nämlich zwischen 1410 und 1420. Auch hier stritten sich die Expert/innen um die Funktion der überlieferten Blätter. Im „Morgenblatt für gebildete Stände”, herausgegeben von Ludwig Schorn, München 1831,  werden sie nur als „Schreibtafeln” bezeichnet; unter eben diesem Namen ( = „Schreibtafel eines alten Künstlers“ ) sind die Zeichnungen DALIWEs in der Handschriftenabteilung der ehemals  königlich-preußischen Bibliothek zu Berlin in archiviert worden. Dort sind sie ein Bestandteil der sog. LIBRI PICTURATI, abendländische Bilderhandschriften ohne längeren Text ( nähere Erläuterungen weiter unten).

Quellen:

(1) ENCYCLOPÉDIE LAROUSSE

Jaques Daliwe. Peintre franco-flamand (actif entre 1380 et 1416).
On conserve de lui un recueil de dessins (Berlin, Staatsbibliothek, MS. Liber picturatus A 74) comportant quelques scènes (Christ de douleurs, Annonciation et Couronnement de la Vierge) et des études de têtes vues de profil, de face ou de trois-quarts, avec diverses expressions. La parenté stylistique de certains de ces dessins avec des enluminures d’un manuscrit exécuté pour le duc de Berry (Très Belles Heures de Notre-Dame, Paris, Bibl. nat., MS. nouv. acq. lat. 3093), suggère que Daliwe travailla à la cour du duc entre 1380 et 1416.

(Übersetzung:) Jaques Daliwe; französisch-flämischer Maler (tätig zwischen 1380 und 1416). Erhalten ist von ihm eine Sammlung von Zeichnungen (Berlin, Staatsbibliothek, MS. Liber Picturatus A 74) mit einigen Szenen (Christi-SchmerzenVerkündigung und Krönung der Jungfrau) sowie Studien von Köpfen Ansichten Profil, Front oder Dreiviertel mit verschiedenen Ausdrücken. Die stilistische Verwandtschaft einiger dieser Zeichnungen mit einer für den Herzog von Berry (Trés Belles Heures de Notre-Dame, Paris, Bibl. NAT. Ms Nouv. Acq. lat. 3093) angefertigten Handschrift legt die Vermutung nahe, dass Daliwe zwischen 1380 und 1416 am Hofe des Herzogs gearbeitet hat.

(2) GROVE ART, Oxford University Press

Jaques Daliwe ( fl c. 1380-1416). Franco-Flemish draughtsman.
He signed a sketchbook (Berlin, Staatsbib., lib. pict. A 74) consisting of studies of a variety of physiognomic types, occasional drawings of animals and a few more developed scenes of a pilgrimage, an innovative Man of Sorrows, an Annunciation and a Coronation of the Virgin. The stylistic, thematic and compositional similarities of some of these drawings, executed in grisaille on boxwood leaves, with manuscript illumination produced for Jean, Duc de Berry, especially those for the Hours of the Holy Ghost in the Trés Belles Heures de Notre Dame (Paris, Bib. N., MS. nouv. acq. lat. 3093), suggest that Daliwe was employed at the Duc de Berry’s court c.1380-1416. The drawings are thought to be trial sketches. They fall into four stylistic groups: one showing affinities with the style of Jacquemart de Hesdin and André Beauneveu; naturalistic studies related to the miniatures of the Livre de chasse (c. 1405-10; Paris, Bib. N., MS. fr. 616); sketches related to Burgundian art influenced by the Limbourg brothers; and drawings associated with the French court style of the 1420s. It has also been suggested that Daliwe was influenced by the Italianate art of Spain and of the court at Avignon.

(3) Morgenblatt für gebildete Stände. Herausgegeben von Dr. Ludwig Schorn. München 1831, Seite 170 f.
        Entwürfe und Studien eines niederländischen Meisters aus dem 15. Jahrhundert.

Nach den in der Königlichen Bibliothek zu Berlin aufbewahrten Originalen; Berlin, gedruckt in der Druckerei der Königlichen Akademie der Wissenschaften in Commission bei Dunker und Humblot 1830. 18 lithographierte Blätter mit 14 Seiten Text.

Die 18 lithographierten Zeichnungen, sind nach den Entwürfen und Studien eines Künstlers aus dem 15. Jahrhundertr gefertigt, die unter dem Namen „Schreibtafel eines alten Künstlers“ in  der königlichen Bibliothek zu Berlin aufbewaahrt werden. Diese „Schreibtafel“ besteht aus 12 Tafel von Buchsbaumholz, von welchem die beiden, welche als Deckel dienen, nur an der Innenseite, die übrigen auf beiden Seiten mit Zeichnungen versehen sind. Die größte der Tafeln beträgt 4,5 Zoll in der Länge und 3,16 Zoll in der Höhe und ist in den Nachbildungen gewissnehaft beibehalten. Die Zeichnungen sind sämtlich mit einem feinen Stift gemacht und leicht schattiert. Die Lichter sind mit Weiß angewischt. Hie und da kommen  goldene Heiligenscheine und goldener Zierrat vor, auch sind einige Halsbänder und sonstige Verzierungen durch aufgetragenes Gold geschmückt. Die Namen auf der ersten Tafel sind in weißer Farbe auf Goldgrund erhöht. Von anderen Farben sind nun kaum merkliche Spuren vorhanden. Achtzehn Zeichnungen, welche hier in lithographierten Nachbildungen mitgeteilt werden, sind ziemlich gut erhalten; die vier übrigen dagegen so sehr verwischt, das der Lithograph (Hr. Peltzow) es nicht gewagt hatte, deren Nachbildung zu unternehmen. Die lithographierten Blätter enthalten folgende Gegenstände:

1) die Evangelisten Matthäus und Markus, beide sitzend und an Pulten schreibend, der letztere mit ganz verhülltem Haupte. Ihre Namen sind in den großen zirkelförmigen Glorienscheinen, jedoch nicht in gerundeter Linie angebracht, und zwar abbreviert: Mathe und Marc. Der Engel des heiligen Matthäus schwebt über seinem Pult und hält die Rolle, worauf er schreibt; der Löwe des heiligen Markus steht wie ein Wappenlöwe auf der Lehne seines Stuhls und stützt seltsamerweise seine Vordertatzen auf den Glorienschein. Unten steht der Name des Künstlers etwas verwischt, so dass nur der Vorname Jacques mit Sicherheit zu lesen ist; den Zunamen las Herr Hofrat Hirt: Dalime; der Lithograph: Daliar, und andere Kunstfreunde haben sich für Daliwe erklärt. Wir würden den Zügen der Lithographie zu Folge lesen: Jaques Dalin f oder p, indem uns der letzte halbverwischte Buchstabe, der die Form eines f oder p hat, zu weitt von dem vorletzten entfernt scheint um zu ihm zu gehören, der vorletzte aber ziemlich unversehrt und am meisten einem n ähnlich aussieht. Indessen bleibt der Name immer ein unbekannter.

2) Der heilige Lucas die Maria zeichnend. Er sitzt am Pult, über im schwebt der geflügelte Ochse, wie er mit einem Nimbus versehen; die heilige Jungfrau kniet in einem Zelt im Augenblick der Verkündigung; ein Engel schlägt die Zeltdecke auf der einen Seite zurück, während auf der anderen Seite ein Engel mit dem Band, worauf das Ave Maria, heranschwebt. Die heilige Taube berührt das Haupt der Jungfrau und in der Luft erscheint leicht angedeutet das Haupt Gott Vaters in einer Glorie von Engeln. Das Kissen, worauf Maria kniet, und die innere Seite der Zeltdecke ist mit französischen Lilien geziert.

3) Ein Einsiedler (Paulus Eremita), welcher aus seiner Höhle nach zwei, wahrscheinlich durch das Bellen seiner Hunde scheu gewordenen Ochsen sieht. Nur mit Mühe werden die Tiere von dem Bauer festgehalten, welcher sie führt.

4) Antonius Eremita in der Umzäunung, von welcher seine Behausung und Kapelle umgeben ist, sitzend, ein Buch haltend und nachdenkend. Vor ihm sieht man einen Krug, eine Henne mit ihren Jungen unter einem Korb, eine Katze und ein Schwein, das in seinen Stall eingeht.

5) Hieronymus und Paulina, Köpfe, der letztere um vieles größer als der des Hieronymus, der jedoch die Hand auf ihre Schulter legt.

6) Eine Jungfrau, nur mit einem um den Leib geschlagenen Mantel bekleidet und mit Schild und Speer bewaffnet, erlegt in einer Felshöhle einen Drachen.

7) Eine Jungfrau in einem langem Gewand, mit Schild und Keule bewaffnet, reitet auf einem Hippogryhen durch einen Bergwald, wo ein alter Hirt Schafe und Ziegen weidet. Zwischendurch sieht man zwei Hasen und vorne einen Hund, der einen Fuchs in seine Höhle jagt. Beide Bilder scheinen sich auf ein altes Gedicht zu beziehen.

8) Ein Schwan, welcher sich gegen einen Adler verteidigt.

9) Christus beruft Petrus und Andreas zum Apostelamt. Halbe Figuren.

10) Die Krönung Mariä. Beide sitzen, jedoch in ziemlicher Entfernung voneinander auf einem Thron; Christus hält mit der Linken die Weltkugel auuf dem Schoße und streckt die Rechte segnend nach Maria aus; diese, gesenkten Hauptes, macht mit beiden Händen eine demutsvolle, fast ablehnende Bewegung. Den Thron umgeben vier Cherubime, als Vögel mit Menschengesichtern vorgestellt.

11) Vier weibliche Gestalten in niederländischer Tracht und zwei ältliche Männer; halbe Figuren. Studien nach dem Leben. Die Hauptfigur scheint eine Braut zu sein, welche von den Brautjungfern geschmückt wird. Die Köpfe der Männer sind nach dem Verhältnis zu groß gegen die weiblichen.

12) Ein alter und ein junger Mann mit einem Mädchen, welches an einem Veilchen riecht. Köpfe. Studien.

13) Zwei junge Männer im Zanke. Zwei Frauen suchen sie zu verständigen. Köpfe. Studien. Die Frauenköpfe wieder viel zu klein gegen die der Männer.

14) Fünf Köpfe nach der Natur: eines Kindes, eines Mannes im mittleren Alter, eines Alten, eines Mädchens und einer jungen Frau. Sämtlich von ungleichem Verhältnis.

15) Zwei alte Männer4 und eine jugendliche weibliche Gestalt (vielleicht Susanne und die beiden Ältesten). Halbe Figuren.

16) Drei alte Männer und eine jugendliche Frau. Brustbilder. Studien.

17) Zwei Alte, von welchen der eine einen jungen Mann mit einem Mädchen zu vereinigen scheint. Halbe Figuren.

18) Acht Charakterköpfe nach dem Leben, wieder in verschiedenen Verhältnissen.

Der Stil der Zeichnungen, sagt die Vorrede, „ist nach dem Urteile des Hr. Hofrat Hirt, der niederteutsche, wie er am Ende des 15. Jahrhunderts sich gebildet hatte, aber mehr dem Stile der van Eyck’schen als der Cöllnischen Schule verwandt.“ Diesem Urteil können wir uns nicht anschließen, ja wir fürchten, dass darin sogar ein Druckfehler steckt, indem es wohl „am Anfang“ statt „am Ende“ des 15. Jahrhunderts heißen sollte. Denn nur zu Anfang des 15. Säkulums kann man noch von der Kölnischen Schule und von einer Annäherung an die Eyck’sche reden, da die erstere um diese Zeit aufhörte oder sich in die zweite auflöste, die sich bekanntlich zu Ende desselben schon völlig ausgebildet hatte.

Die Art wie die Köpfe und Figuren gezeichnet und die Gewänder gelegt sind, die Unkenntnis der (Größen-)Verhältnisse, der Mangel an Perspektive in der Zeichnung der Geräte, Landschaften und Gebäude und in Verteilung der Gründe, der tellerförmigen Glorienscheine, kurz alle Eigentümlichkeiten sprechen für die Kölnische Schule. Insbesondere sieht man nirgends ddie strengen Linien in der Zeichnung der Köpfe und das Geradlinige und Eckige des Gewandentwurfs, das in der Eyck’schen Schule vorherrscht, sondern alles ist weich und rundlich behandelt, dem älteren byzantinischen Stile angemessen.

Was Herrn Hofrat Hirt bestimmt  haben mag, ist die große Individualität der nach der Natur gezeichneten Köpfe, die ein Streben nach Naturwahrheit kundgibt, das erst in der van Eyck’schen Schule seine völlige Ausbildung fand; aber gerade darin besteht das Merkwürdige dieses Zeichenbuchs, daß es das Erwachen dieses Strebens mitten in einem herkömmlichen Topus zeigt, weshalb auch Edles und Unedles ohne Wahl nebeneinander gestellt ist, wie z. B. die Christusköpfe auf Nr. 9 und 10 etwas sehrr Edles haben, während die Apostel und Evangelisten zum größeren Teil sehr unedel erscheinen.

Was das individuelle Talent des Künstlers betrifft, so zeigt er sich in freien Erfindungen und hie und da auch in Auffassung der Natur, wie in Nr. 11 und 12, noch mit allen Unvollkommenheiten seiner Schule, in anderen Studien aber keck (wie in Nr. 3) und nicht selten sicher und geistreich. So kann man den Adler und Schwan vortrefflich gezeichnet nennen, nicht minder trefflich ist der Ausdruck in den beiden männlichen Köpfen Nr. 13, der beiden Alten Nr. 15 und des Hieronymus auf der Nr. 5.

Dass die Zeichnungen von ein und derselben Hand sind, scheint auch uns nicht zweifelhaft, sowie, dass der französische Name des Künstlers nach den Gegenden der Maas hinweist, in welchen der Stil der Kölnischen Schule, wie in ganz Niederland und einem Teil von Frankreich, verbreitet war.

Die Schreibtafel kam auch wahrscheinlich aus den Niederlanden in die königlich preußische Bibliothek. Die Lithographien sind sorgfältig und dem Anscheine nach dem Original sehr getreu mit der Kreide gemacht und mit gelbem Ton gedruckt. Die (verwischten) weggelassenen Zeichnungen stellen die Heimsuchung Marias, die Auferstehung Christi, eine Pilgerfahrt nebst einer Kirche im Stile des Mittelalters und den leidenden Heiland in der Umgebung von Engeln mit Maria und Johannes vor.


Die Libri Picturati
sind eine Bestandsgruppe der Handschriftenabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin. Dabei handelt es sich um den Bestand von abendländischen Bilderhandschriften ohne längeren Text.

Dazu gehören u. a.:

[ Während des Zweiten Weltkriegs wurden diese Libri Picturati teilweise ausgelagert und verschwanden. Erst viele Jahre nach Kriegsende wurde bekannt, dass sich diese Bände in der Jagiellonischen Bibliothek in Krakau befinden. ]

  • Tilo Brandis, Peter Jörg Becker (Hrsg.): Glanz alter Buchkunst. Mittelalterliche Handschriften der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz Berlin. (Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz. Ausstellungskataloge 33) Wiesbaden 1980.
  • Hans-Erich Teitge, Eva-Maria Stelzer (Hrsg.): Kostbarkeiten der Deutschen Staatsbibliothek. Leipzig 1986, S. 46–96.
  • Helga Eggemann, Jacquemart de Hesdin und die Buchmacher am Hofe König Karls V. und des Herzogs von Berry. Berlin 1941 (= Dissertation)
  • dies., Evangelium im Bild. Worte aus den Evangelien und ihre Darstellung in der Kunst. Kösel, München 1954
  • dies., Das Skizzenbuch des „Jaques Daliwe”. Bruckmann, München 1964

 


Joseph Meder, Die Handzeichnung: ihre Technik und Entwicklung, 1919

Seite 196: Das in der Berliner königlichen Bibliothek aufbewahrteMusterbuch von Jacques Daliwe (Cod. pict. 74) umfasst 22 Darstellungen. Die Zeichnungen sind auf doppelseitig grundierten Buchsbaumholzplatten ausgeführt – in Silberstift, teilweise mit Weiß für die Lichter und mit Blattgold für Heiligenscheine oder Silber für Schmuckgegenstände.


DER ISLEK ZU BEGINN DES FRÜHMITTELALTERS
Rund vierhundert Jahre gehörte der ISLEK zum römischen Imperium. Einzeln gelegene Guts- und Pachthöfe (wie z.B. die villa rustica in Oberüttfeld) bestimmten den ländlichen Charakter. Die Herrschaftsübernahme durch die FRANKEN im 5. Jahr­hundert änderte daran nicht viel, außer dass die romanische Sprache auf die Linie Arlon-Malmedy zurück­wich. Wildreiche Wälder überzogen die Gegend, die mit ein Grund dafür waren, dass einige ländliche Königshöfe (z.B. Thommen) entstanden. Ab dem 7./8. Jahrhundert nimmt die Besiedlung zu. Anders als die Römer lassen sich die Franken in Gruppen nieder und bevorzugen die Täler. Die Namen dieser fränkischen Orte enden auf -ingen (Hosingen), -dorf (Mettendorf), -bach (Lünebach), -feld (Arzfeld), -scheid (Brandscheid) und -hausen (Welchenhausen, Oberhausen). Unter KARL dem Großen (vgl. Münzbild) wird der Islek als Krongut zum bevorzugten Jagdgebiet. Karolingische Schenkungen stärken die Kirche und führen u. a. zur Gründung des Klosters PRÜM. Dort wird – nach der Reichsteilung – der erste Herrscher des Mittelreichs, Kaiser Lothar I., beigesetzt.

DER ISLEK UNTER DEN GRAFEN DES BIDGAUS
Beim Zerfall des fränkischen Karolingerreichs gehörte der Islek zum lothringischen Teil (nach Kaiser Lothar benannt). Bald zu Westfranken (das spätere Frankreich), bald zu Ostfranken (das spätere Deutsche Reich) sich hinneigend, wurde Lotharingen schließlich ganz aufgeteilt. Die Grafen des Bid-Gaus (benannt nach dem römischen Beda, heute Bitburg) verstanden es in dieser Zeit, ihre verstreuten Besitzungen abzurunden und ihre Herrschaft auf die Westeifel und das Maasgebiet auszudehnen. 963 erwarb der Graf des Bidgaus, Sigfrid, den – Lucilinburhuc genannten – Felsen an der Alzette. Seitdem trägt das Land die Bezeichnung Luxemburg. Dessen Bevölkerung bestand zum allergrößten Teil aus Bauern, die an den ortsansässigen Ritteradel Abgaben leisten mussten und ihm zu häufigen Arbeitsdiensten verpflichtet waren. Etliche Ritter konnten sich der Oberherrschaft der Grafen von Luxemburg lange Zeit erwehren (insbesondere die Herren von Vianden). Nach und nach aber setzte sich die gräfliche Kontrolle überall durch. In befestigten Orten entstanden von Luxemburg ein­gerichtete Amtssitze (Ämter) unter adeligen Verwaltern, so z. B. in Burgreuland (vgl. das Adelsgrab in der Reuländer Kirche).

DER ISLEK IM 14./15. JAHRHUNDERT
Zwischen den Jahren 1383 und 1443 voll­zieht sich ein tief greifender politischer Wandel: Die regierenden Luxemburger residieren in PRAG (Kaiser Wenzel, Kaiser Sigismund) . Sie verpfänden ihre weit im Westen liegenden Stamm-lande an zahlungskräftige fremde Fürsten, welche die luxemburgischen Gebiete rücksichtslos ausbeuten. Bleibenden Nutzen aus diesen Wirren ziehen die Herzöge von BURGUND, die sich zwischen dem Deutschen Reich und Frankreich als eine neue Macht (zwischen der Nordsee, dem Rhein und der Schweiz) etablieren wollen. Die burgundische Herrschaft wird zwar anfangs abgelehnt. Aber die burgundi­sche Ver­wal­tung schafft endlich auch Ordnung und führt zu wirtschaftlichem Aufschwung. Bildung, Wissenschaft und Kunst erfahren einen neuen Antrieb.

Das Zentrum der burgundischen Herrschaft lag in den „Niederlanden“. Diese gingen freilich weit über das als Holland be­nann­te Gebiet hinaus. Wohl­habende Städte wie Brügge, Gent, Antwerpen (heute:) in Belgien, Lille oder Arras (heute:) in Nordfrankreich gehörten dazu. Der Regierungssitz war Brüssel. Der Reichtum des Landes spiegelte sich besonders in Mode und Kunst wider, so dass man für diese Zeit all­gemein auch vom „Burgundischen Zeitalter“ in Westeuropa spricht. Künstler (wie z.B. die BRÜDER LIMBURG) arbeiten für den bur­gun­dischen oder französi­schen hof. Neue Techniken und neue Sicht­eisen ent­wickeln sich und geben der europäischen Kunst eine moderne Wende. Der Künstler JAQUES DALIWE gehört mit zum Kreis der Er­neuerer. Das „Musterbuch“, dessen Bilder hier gezeigt werden, entstand zwischen 1410-1420.

JAQUES DALIWE und sein „MUSTERBUCH“

JAQUES DALIWE ist ist in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts geboren. Seine Herkunft ist in den „südlichen Nieder-landen“ zu suchen. Dort wird er auch seine Ausbildung ­er­halten haben. Wie viele seiner Künstler-Kollegen arbeitete er für burgundischen und franzö­si­sche Fürsten und war dort eine Zeit lang in der Werkstatt der Brüder Limburg tätig. Der Bezug zu den Brüder Limburg stellt eine Verbindung zu unse­rem Gegend her. Denn bei LIM­BURG handelt es sich nicht um die west-deutsche Stadt an der Lahn, sondern um das Herzog­tum Limburg, das – zwischen Lüttich und Luxemburg gelegen – die Gebiete zwischen der Maas und den Ardennen um­fasste. Der Ort, der dem Herzog­tum den Namen gab, liegt am Fuße des Hohen Venns zwischen Eupen und Verviers. Ob Daliwe aus dieser Region stammt, ist ungewiss, da alle weitere Nachrichten und sonstigen Quellen über sein Leben fehlen.

DAS „MUSTERBUCH“ (1400 – 1420)
Was ist ein MUSTERBUCH? Die fürst­lichen Auf­trag­geber einerseits wünschten Muster zu sehen, bevor sie Künstler an­stellten. Andererseits brauch­ten die mitarbeitenden Maler (Lehrlinge/Gesellen der Maler­werkstatt) Vorlagen, Beispiele und Richtlinien, nach denen sie Teile eines Werkes vor­be­reiteten. Denn man arbeitete in dieser Zeit nicht als „ein­samer Künstler“ für sich allein, sondern „im Team“ (ent­spre­chend der da­maligen Zunft­ordnung, nach der Künst­ler als Handwerker galten). Die bis dahin bekannten MUSTER­BÜCHER zeigten (wie ein Katalog) Reihen von Figuren oder Ornamenten. Die Bedeutung DALIWEs liegt darin, dass er seine „Muster“ zu selbst­än­digen Kompositionen gruppierte, die Figu­ren und Köpfe in einen szenischen Bezug zu­einander setzte. Auch die Natur- und Landschafts­szenen zeigen den neuen Realismus, insbe­son­dere in der Stofflichkeit der Oberflächen.

Bei den ausgestellten Skizzen handelt es sich um die Wiedergabe eines so genannten MUSTERBUCHES. In solchen Musterbüchern sammelten Künstler für sich oder für die Mitarbeiter ihrer Malerwerkstatt Vorlagen, die dann zu Teilen in die Komposition von Gemälden oder Wandteppichen übernommen wurden. Entsprechend der religiösen Ausrichtung der spätmittelalterlichen Kunst zeigen die Vorlagen aus dem MUSTERBUCH des Jaques Daliwe weniger Naturstudien, sondern vor allem Figurengruppen, die auf biblische Szenen verweisen.

ÜBER DEN FLUSS UND IN DIE WÄLDER…

Im September 1944 überquerte der Schriftsteller Ernest Hemingway circa 10 km nördlich von hier die OUR. Hemingway ( später Nobelpreisträger für Literatur) kam hierher als Kriegs­berichterstatter der US-Army. Beim Weiler HEMMERES betrat er deutsches Reichs­gebiet / Bundesstaat „Preußen“. Angenommen, Hemingway wäre hierher – etwa 250 Jahre früher – mit der Armee des französischen Königs Ludwig XIV. gekommen, hätte er sich – so wie überall an der Our – im Herzogtum LUXEM­BURG befunden, damals ein Teil der Spanischen / später der Österreichischen Niederlande. Damals gehörte der ISLEK zum Herrschaftsgebiet der Habsburger. Die residierten in Madrid, danach in Wien. Von lokalen Fehden und Streitig­keiten abgesehen hatte unsere Gegend bis dahin kaum unter Kriegen gelitten.

Um die Geschichte des Mittelalters zu verstehen, muss man von märchenhaften Vorstellungen – von „stolzen Rittern, die auf prächtigen Schlössern residieren“, von Königen oder Kaisern, die „morgens ein bisschen regieren und nachmittags ihre prall gefüllten Schatzkammern besichtigen“ – Abschied nehmen. Die meisten Ritter lebten nicht viel besser als ihre leibeigenen Bauern. Die Fürsten mussten ständige Kompromisse mit „Unterfürsten“ suchen und bei ihren Landständen um Geld betteln. Der Burgunderherzog Karl, dessen Vater Luxemburg (und den Islek) an sich gebracht hatte (1443), wurde nach der Schlacht von Nancy (1477), in der er Herrschaft und Leben verlor, ausgeplündert, nackt und eingefroren in einer Pfütze gefunden.

Der spätere Herzog von Luxemburg Karl, dabei gleichzeitig König von Spanien und deutscher Kaiser seit 1519, gab all seine politischen Pläne auf, entsagte der Krone, zog sich in ein Kloster zurück (1556), obwohl man sagte, dass „in seinem Reich die Sonne nie unterging“, weil auch Mexiko, Peru Goa und die Philippinen mit dazuzählten. Die Entstehung von Söldner-Heeren im 15. Jh. verödete Länder und trieb Hungernde zu Kannibalismus. Den ISLEK bewahrte zeitweise seine Kargheit und Abgelegenheit vor einem Schicksal, wie es das Bild des burgundisch-habsburgischen Malers Pieter Breughel zeigt.

 


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