HARALD DEILMANN

„SCHEPP UN SCHEIERN OM ISLEK“

Feldscheunen im Islek,

photographiert von HARALD DEILMANN2014_11_deilmann2

Eine aussterbende Art: Feldscheunen und Schuppen der bäuerlichen Landwirt­schaft. Ursprünglich aus praktischen Gründen an Feldrändern errichtet um Stroh, Maschi­nen und Ackergeräte am Ort ihrer Ver­wen­dung unterzubringen, als Viehunter­stand oder weil schlicht der Platz auf den häufig kleinen Bauernhöfen im Dorf nicht ausreichte, werden sie im Zuge der fortschreitenden Industrialisierung der Landwirtschaft zunehmend überflüssig – Viele sind heute dem Verfall preisgegeben.

Möglichst kostengünstig sollten sie den untergestellten Gerätschaften maximalen Schutz bieten. Und so zeugen vor allem die verwendeten Baumaterialien vom schier uner­schöpf­lichen Erfindungsreichtum und Pragmatismus der isleker Bauern: Neben Brettern und Balken in allen erdenklichen Formen findet alles Verwendung, was Schutz vor Regen und Wind bieten kann: alte Bleche einer Dachbedeckung, Seitenteile der ehemals hölzernen Dreschmaschinen, auch aufgeschnittene und geglättete Benzinkanister bedecken die westliche Wetterseite dauerhaft und effektiv.

Die Bewirtschaftung immer größer werdender Agrarflächen mit dem hochtechnisierten Fuhrpark von Lohnunternehmen während die Zahl kleinerer und mittlerer Bauernhöfe drastisch abnimmt, lässt die mittlerweile nicht mehr benötigten Feldscheunen in der Landschaft zu letzten Zeugen einer vergangenen Zeit werden.

Mit seinen dokumenta­rischen Schwarz-Weiß Photographien hat der in Düsseldorf und Roscheid lebende Harald Deilmann diesen Relikten der bäuerlichen Landwirtschaft ein kleines Denkmal gesetzt.

Bereits die ersten Photographen im 19. Jahrhundert betrachten ihre unförmigen hölzer­nen Apparate nicht nur als Werkzeug exakter Dokumentation, sondern verstehen sich durchaus als künstlerische „Lichtbildner“. Im Streben um Anerkennung ihrer neuen Technik in der Kunst übernehmen sie bis ins beginnende 20. Jahrhundert weitgehend die Formensprache der Malerei ohne eine eigene, ihrer Technik entsprechende Ästhetik zu entwickeln und ohne deren immense Möglichkeiten auszuloten. Aber selbst mit der Entwicklung der eigenständigeren Bildsprache des Piktorialismus unter Verwendung aufwendiger Edeldruckverfahren parallel zu Symbolismus und Jugendstil in der Malerei, führt die Photographie in der Kunst eher ein Schattendasein. Mit photographischen Mitteln wird eine der Malerei ähnliche Bildwirkung erreicht, ohne jedoch dem Ziel, als eigenständige Kunstform anerkannt zu werden, wirklich näher zu kommen.

Eine erste Emanzipation erfährt die künstlerische Photographie in der 20-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts in den USA mit der „straight photography“ der Gruppe f/64 um Ansel Adams und Edward Weston und der „Neuen Sachlichkeit“ in Deutschland mit ihren bekanntesten Vertretern Albert Renger-Patzsch und August Sander. Die Photogra­phie entwickelt nun eine eigene, von der Malerei unabhängige Ästhetik mit einer strin­gent objektiven Bildsprache. Erste Ausstellungen künstlerischer Photographie werden in Galerien gezeigt.

Dennoch wird es noch fast fünfzig Jahre dauern, bis sich die künstlerische Photographie mit den klassischen Gattungen der bildenden Kunst „auf Augenhöhe“ befindet: Mit der primären Intention der Dokumentation fotografieren Bernd und Hilla Becher ab den 50er Jahren insbesondere Industriearchitektur der niedergehenden europäischen Schwer­industrie. In der Tradition der „neuen Sachlichkeit“ aufgenommen, werden die nüchternen Dokumentarphotographien in Bildserien, sog. „Typologien“, präsentiert. Diese der Konzeptkunst zugeordneten Serien werden in den 70er Jahren gemeinsam mit Arbeiten anderer Künstler der Konzeptkunst und des Minimalismus gezeigt (u.a. documenta 5, 1972) und die Photographie erfährt so als eigenständiges ästhetisches Ausdrucksmittel der bildenden Kunst internationale Anerkennung.

1976 erhält Bernd Becher eine Professur für Photographie an der Düsseldorfer Kunst­akademie, aus dessen Schule Photokünstler wie Andreas Gursky, Thomas Struth, Candida Höfer oder Thomas Ruff hervorgehen.

Die Intention und das Serielle der Becherschen Schule aufgreifend dokumentiert Harald Deilmann Relikte der bäuerlichen Landwirtschaft im Islek. Allerdings nimmt er sich die Freiheit, von der strikten Zentralperspektive und der durch die Aufnahme bei weitgeh­end schattenfreiem diffusem Sonnenlicht überbetonten Sachlichkeit abzuweichen, wo­durch seine Aufnahmen lebendiger wirken und die oft verblüffende Integration der bäuerlichen Zweckbauten in die Landschaft des Islek eindrucksvoll vorführen. Dokumen­tierten Bernd und Hilla Becher die „Kathedralen“ der Schwerindustrie und deren Schüler die Monumente der postindustriellen Architektur, bleibt Harald Deilmann, den Propor­tionen der wArtehalle entsprechend und dem Mangel an Monumenten und Kathedralen im Islek Rechnung tragend, bei den „Kapellen“ der Westeifeler bäuerlichen Landwirtschaft.

 



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