Winterausstellung 2018/2019

LÜTZKÄMPER

fotografiert von Christof Thees

Lützkampen vor wenigen Jahrzehnten: ein reines „Bauerndorf“ mit verblüffend reichhaltiger Infrastruktur. Knapp 40 Landwirtschaftsbetriebe im Voll- und Nebenerwerb, Raiffeisenkasse und -markt, Post, Lebensmittel- und Haushaltswarengeschäfte, Handwerksbetriebe, Tankstellen und – wichtig besonders am Sonntag nach der hl. Messe – zwei florierende Gaststätten. Den Ort verlassen musste man eigentlich nur für Arztbesuche oder besondere Einkäufe, z.B. von Bekleidung und Schuhen.

Lützkampen 2018: Lebensweise und Lebensstandard unterscheiden sich praktisch in Nichts von denen eines beliebigen ruhigen Vororts von Großstädten im Rheinland oder andernorts. Im Dorf übriggeblieben sind lediglich zwei Landwirtschafts- und zwei Handwerksbetriebe.

Mit einiger Verzögerung sind heute neben diesen strukturellen zunehmend auch weitreichende kulturelle Veränderungen festzustellen:

Nur noch eine kleine Minderheit der Kinder beherrscht den lokalen Dialekt. Aus verschiedenen Gründen, Angst vor Nachteilen in Schule oder Berufsleben, aber leider auch: „Platt ist assi!“, werden mittlerweile die meisten Kinder „hochdeutsch“ erzogen („Du sollst rischtik schpreschen!“).

Tatsächlich arbeiten heute viele als Pendler in wesentlich höher qualifizierten Berufen als vor einigen Jahrzehnten die Mehrheit der Nebenerwerbslandwirte. Voraussetzung sind eine enorme Mobilität mit leistungsstärkeren und komfortableren Autos für die Bewältigung der täglichen langen Fahrstrecken und – selbstverständlich auch – das Beherrschen des Hochdeutschen. Dass ein Erlernen des Dialekts den Kindern später tatsächlich zum Nachteil gereicht, gilt heute jedoch als wissenschaftlich widerlegt.

Gleichzeitig geht eine weitere regionale Eigenheit unter, die der sog. „Hausnamen“. Bis vor kurzem wurde fein unterschieden zwischen „Wie heißt jemand?“ und „Wie schreibt der sich?“. So hieß einer der portraitierten Bauern „Hensen Hebb“, schrieb sich aber (amtlich) „Herbert André“ – er lebte mit seiner Familie im „Hensenhaus“. Man hieß also z.B. nach dem Haus, aus dem man stammte oder in dem man lebte, unabhängig vom rechtlich korrekten Namen. Die Namen gingen entweder auf die der alten Stockgüter zurück („Thommes“, amtlich: „Kails“ oder „Fogen/Fujen“, amtlich: „Becker“) oder auf die der Erbauer („Ennersen“ von Andreas, „Enners“). Namensspender konnte aber auch ein Ortsteil sein: am Diedrichsborn wohnen „Dieders“ und auf dem „Knupp“, höchster Punkt im Dorf – natürlich – „Knuppen“, oder der Beruf: der Schreiner „Schringer Märt“ schrieb sich Martin Daufer.

Als Relikt bleibt bei der Namensnennung das Voranstellen des amtlichen Familiennamens statt des ehemaligen Hausnamens: „Hensen Bertram“ meldet sich am Telefon mit „André Bertram“.

Mobiler ist man heute nicht nur mit dem Auto, sondern auch bei der Wohnungs- und Wohnortwahl. Ehemals selbstverständlich das Elternhaus, ist es heute insbesondere für Jüngere kein Problem, eine Wohnung in der Umgebung zu mieten und diese bei Bedarf kurzfristig zu wechseln. Einige Kilometer bis zum Heimatort sind halt schnell bewältigt. Die feste Bindung ans (Eltern-) Haus besteht längst nicht mehr so, wie noch eine Generation vorher, womit schlussendlich der Hausname obsolet zu werden scheint. So kommt mittlerweile also selbst bei älteren Einwohnern der Gebrauch der Hausnamen aus der Mode. Dem Strukturwandel im Islek folgt aktuell ganz offenbar auch ein Kulturwandel, der bereits einen großen Teil der Bevölkerung erfasst hat.

Eher großstadttypisch ist ein Rückzug ins Private zu verzeichnen. Das Engagement nicht nur jüngerer Bewohner in den Gemeinden ist spürbar rückläufig. Viele Dörfer haben mittlerweile ernsthafte Nachwuchsprobleme bei der freiwilligen Feuerwehr. Helfer bei Kirmes und anderen gemeinschaftlichen Aktionen im Dorf sind schwerer aufzutreiben.

Selbst Schwerpunkte bei den Festen, die im Dorf begangen werden, ändern sich: Während Rosenmontagszüge à la Köln sich von Jahr zu Jahr vergrößern, reduzieren sich die „Klapperkinder“ an Ostern. „Beachpartys“ oder echt bayrische „Oktoberfeste“ im Islek(!) bersten vor Besucherandrang, während die traditionelle Kirmes schmilzt und die „Halloweenparty“ im Herbst toppt allemal den Martinszug mit anschließendem Umtrunk.

Dorf, Dialekt und Traditionen verlieren langsam ihren identitätsstiftenden Charakter, werden ersetzt durch nicht lokal-, sondern eher großstadttypische Attribute: der ausgeübte Beruf, Wohlstand, erkennbar an Auto, neuem Haus oder Urlaubsreisen. Die „Dorfgemeinschaft“ reduziert sich schleichend auf nachbarschaftliches, eher städtisches Leben im sog. „ländlichen Raum“.

Eine urbane Globalisierung erreicht das Dorfleben im Islek; Schwerpunkte verschieben sich – nicht unbedingt nur negativ zu sehen: Weltoffenheit, Aufgeschlossenheit für Neues und Fremdes, zunehmende Toleranz gegenüber anderen, ungewohnten Lebensweisen sind sicher positive Effekte dieser Entwicklung.

Schon mehrfach thematisierte die wArtehalle Welchenhausen den vom Niedergang der kleinbäuerlichen Landwirtschaft ausgelösten Strukturwandel in der Westeifel der jüngeren Vergangenheit. In der diesjährigen Winterausstellung „Lützkämper“ werden Portraitfotografien einer „aussterbenden Art“ gezeigt: Dorfbewohner, deren Leben noch ganz von der bäuerlichen Landwirtschaft und der noch funktionierenden dörflichen Geschäftswelt geprägt war, Zeugen einer untergegangenen Lebensweise.

So stellen die in der Ausstellung mit ihren Hausnamen präsentierten „Lützkämper“ Vertreter einer vergehenden Epoche dar, mit ihrem Stolz, ihrem verschmitzten Humor und ihrer, trotz oft entbehrungsreichen Lebens offenkundigen Zufriedenheit.

 


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